Wer danach fragt, warum das Schweizerdeutsch keine eigene Sprache, sondern vielmehr ’nur‘ ein Dialekt ist, der fragt auch gleichzeitig nach dem Unterschied zwischen dem, was als Sprache bezeichnet wird und dem, was man Dialekt nennt. Dazu bedarf es einiger Ausführungen.

Was ist ein Dialekt bzw. eine Sprache?

Dialekte sind abgrenzbare Sprachvarietäten einer gemeinsamen Sprechergruppe. In der Regel wird diese Varietät von einer anderen Sprachform so abgegrenzt, dass sie als eine andere Art oder Variation eben dieser gilt. Diese Sprachform ist in der Regel die Standardsprache eines Landes, bzw. einer Nation.

Die Welt kennt so viele Sprachen und noch viel mehr Dialekte

Im deutschen Sprachgebrauch beschreibt der Dialekt eine, geographisch 21bedingte, größere zusammengehörende Sprachgemeinschaft. So gelten das Bairische, Friesische oder das Hessische als Dialekte des Deutschen. Deutsch ist dabei die Standard und Schriftsprache eines noch größeren geographischen Raums. Das Deutsche kann aber auch als Überbegriff diverser Dialekte, mit den gleichen Sprachwurzeln, verstanden werden. So wurde Sprache und Dialekt definiert, bevor es eine gemeinsame Schrift- und damit Standardsprache gab. In Abgrenzung dazu, spricht man dann von einem Dialekt, wenn in wenigen Bereichen, wie Lautmerkmale oder Wortschatz Abweichungen zur Standardsprache auftreten. Je deutlicher und verständlicher dann wiederum die Verständigung zwischen Dialekt und Standardsprache, desto eindeutiger lässt sich von einem Dialekt sprechen. Je schwieriger das gegenseitige Verständnis, desto eher wird von Sprache gesprochen.

Wie sieht es im Alltag aus?

In der Sachliteratur findet das Schweizerdeutsche keine Anwendung
In der Sachliteratur findet das Schweizerdeutsche keine Anwendung

Im Alltag allerdings wird zwischen Dialekt und Sprache eher so unterschieden, dass dem Dialekt keine standardsprachlichen Funktionen zukommen. Damit wird eine vertikale Abgrenzung zwischen Dialekt und Sprache gezogen. Dialekte werden demnach nicht schriftlich im Alltag, in der Verwaltung oder anderer Sachliteratur verwendet. Dialekte werden vornehmlich gesprochen.

Dann aber kommt ein gegensätzlicher Blickwinkel hinzu, der den geographischen Aspekt stärker in den Vordergrund rücken lässt und Sprache und Dialekt zu einer Kategorie des Politischen macht. Demnach sind es auch politische, historische, soziale und kulturelle Kriterien, die darüber entscheiden, wann von einer Sprache und einem Dialekt die Rede ist. Hier wird es mit dem Schweizerdeutsch interessant.

Was ist nun Schweizerdeutsch?

Um eine sprachliche Varietät als Sprache definieren zu können, sind sprachliche Unterschiede notwendig … und zwar mit einem gewissen sprachlichen Abstand zu anderen Sprachen. Wie groß dieser sprachliche Abstand aber zu sein hat, darüber wird gestritten und lässt sich streiten. Exakt bestimmt werden kann er jedenfalls nicht, was die Frage, warum das Schweizerdeutsch mehr Dialekt als eigene Sprache ist, nicht leichter macht in seiner Beantwortung.

Ebenfalls lässt sich nicht exakt bestimmten, wann der sprachliche Abstand zur Schrift- und Standardsprache so groß ist, dass von einem Dialekt und keiner Sprache mehr gesprochen wird. Sprache ist fließend … und so auch ihre Versuche sie zu kategorisieren.

Existiert aber politischer Wille, Einigkeit und Territorium, so kann jede sprachliche Varietät und jeder Dialekt in eine eigene Sprache ausgebaut und umgewandelt werden, so dass diese die Funktion einer Schrift- und Standardsprache übernimmt. Das Luxemburgische kann hier als Beispiel genannt werden. Denn es wird aktuell, aufgrund seiner vorhandenen Sprachvarietäten zum Standarddeutsch, zu einer eigenen Nationalsprache ausgearbeitet. Im Bereich der Schriftsprache ist das Lëtzebuergesche zwar nur begrenzt zu nutzen; es bilden sich aber mehr und mehr einheitliche Varianten, auf die sich mehr und mehr Menschen berufen. Sprachwandel. Immer aktuell.

Schweizerdeutsch kann gelernt werden
Schweizerdeutsch kann gelernt werden

Schweizerdeutsch: eine Sprache

Auf gleichem Wege könnte mittlerweile auch das Schweizerdeutsch als eigene Sprache ausgebaut werden. Das Problem liegt hier in den regional wechselnden Dialekten der Schweiz selbst; denn Tendenzen zur Vereinheitlichung, Normierung und gemeinsamen Schreib- und Sprechweisen lassen sich in der Schweiz weniger ausmachen, als im kleinen Luxemburg. Der politische Wille fehlt in der Schweiz. Den Menschen dort ist ihr regionaler Dialekt lieber, als eine vereinheitlichende eigene Sprache. Denn mit dieser würde auch einhergehen, dass die bestehenden Dialekte in ihrer Ausprägung und Dominanz einzubüßen hätten.

Zusammenfassung

Schweizerdeutsch wird viel gesprochen … und zwar in unzähligen Sprachvarietäten. Es kann als Ausbau Dialekt beschrieben werden, dem der politische Wille fehlt zur Sprache werden zu können. Es geht beim Schweizerdeutsch also nicht so sehr um den sprachlichen Abstand zur Schriftsprache – der mittlerweile aber ebenfalls stark vorhanden ist – sondern besonders um den mündlichen Gebrauch.

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Warum ist Schweizerdeutsch keine eigene Sprache (sondern ein Dialekt)?

6 Gedanken zu „Warum ist Schweizerdeutsch keine eigene Sprache (sondern ein Dialekt)?

  • 2. Mai 2018 um 12:12
    Permalink

    Es ist ein Unterschied, ob eine Sprache gesprochen oder geschrieben wird. Letzteres erfordert mehr Nachdenken und Zeit. Heinrich Kleist hätte seinen Aufsatz betiteln sollen: „Ueber die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Schreiben“, und nicht „beim Sprechen“. Die Bundesdeutschen würden heute zu ihrem Vorteil damit auch nicht schneller sprechen als sie denken können. Zum Glück haben sie alle noch ihre Dialekte, die sie aber aus Standesdünkel als unfein empfinden. Uebrigens: Wann und aufgrund welcher Umstände entschlossen sich die schweizerischen Alemannen zur standarddeutschen Schriftsprache? Wohl im 17-18. Jht. und zwar deshalb, um sich mit ihren ehemaligen Untertanen Romands und Ticinesi besser verständigen zu können und nicht, um den Reichsdeutschen zu gefallen. Das weiche und wohlklingende österreichische Hochdeutsch kam historisch sowieso nicht in Betracht. Die Niederländer hatten diesen Zwang nicht, sie entwickelten einfach eine eigene Schriftsprache. Dafür haben die Belgier jetzt den Salat.

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  • 3. Mai 2018 um 23:05
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    Sie ersehen sicher aus meinem Beitrag, dass ich das gesprochene Hochdeutsch zwar toleriere (ich spreche bühnendeutsch), aber nicht besonders schätze, weil es für mich eine Fremdsprache ist, und in der alemannischen Schweiz spreche ich grundsätzlich Züritüütsch (welches man übrigens korrekt schreiben kann, siehe die Züri-Krimis von Viktor Schobinger, und es gibt ein umfangreiches Wörterlexikon), jenseits des Gotthards italienisch und ab Biel Französisch. In London spreche ich englisch, in Savannah mit etwas südstaatlichem Akzent. In Madrid spreche ich spanisch und in Moskau russisch. Meine deutsche Schreibschrift ist meines Erachtens recht differenziert und mein deutsches Vokabular ist nicht arm. Ich liebe es hingegen, in München unangenehme Zeitgenossen recht preussisch anzu“hauchen“ und ich vermisse in Bayern das Original-Bairisch. Es hat dort leider viel zu viele „Zuagreiste“, die sich nach dem „Kriech“ nie der neuen Heimat anpassen wollten. Vielleicht ist dies das deutsche Problem. Ausserdem hat sich die deutsche Umgangssprache seit1955 (durch das Fernsehen) enorm nivelliert und verschlechtert. Meine Grosseltern haben viel besser gesprochen, konnten aber auch Platt, wenn es sein musste

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  • 19. Mai 2018 um 11:43
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    „Sprachwandel. Immer ein Thema“.
    Auf „wissen.de“ fand ich die Wortherkunft des Begriffes „Dialekt“:
    Mundart:
    „dialektos „Redeweise, Mundart“, zu griech.
    dialegesthai „sich besprechen, sich unterreden“, aus griech.
    dia „auseinander, anders“ und griech.
    legein „reden, sprechen“, da der Dialekt eine abweichende Redeweise ist“
    „dia“: auseinander, anders!
    Wir sprechen viel über Dia-lekte als verorteter Andersartikeit. Dies hat seine Begründung in früher Immobilität. Daraus entstand die Gleichsetzung, „anderer Ort / Tal“ = „andere Sprache“.
    Ein neuzeitliches Phänomen ist für mich: „anderes Unternehmen“ = „andere Sprache“, sprich: der Sprachgebrauch für die gleichen Vorgänge / Dinge unterscheidet sich. Oftmals auch als sogenannter „Firmenjargon“ bekannt.
    Kauft ein Unternehmen ein anderes auf, so ist häufig auch vom „Crash“ = Aufeinandertreffen zweier Firmenkulturen die Rede – oft werden eigene Kommissionen (slang Unternehmen A), oder Ausschüssse (slang Unternehmen B), Arbeitskreise (slang C) oder thinktanks (slang D) eingesetzt (slang A), bestimmt (slang B), initiiert (slang C) oder gegründet (slang D).

    Durch die heutige Mobilität (in 3 Autofahrt Stunden durchfahren wir 20 Dialektregionen, wenn nicht mehr) werden viele Faktoren miteinander multiplitziert: Regionaler Dialekt X Firmenjargons X Zuwandereraussprache X Einkaufscenterslogan X Rappersprech X Werbeslogans X Radio(ver)sprecher….
    und das Ganze innerhalb weniger Minuten und mehrmals pro Tag :-).
    Was ist Dialekt und was will wer erhalten? Welche Identitätsstiftende Wirkung hat da noch wer und was?
    Wenn ein Mensch 600 km fährt und dann in einen ihm vertrauten Fastfood Laden geht, ist das für ihn soviel „Heimat“, als wenn ein italienischer Gastarbeiter in den 50-er Jahren in Frankfurt zufällig einem Landsmann auf der Straße begegnete. Der Hauch des „Vertrauten“ wohnt beiden Situationen irgendwie inne. Und wenn der Modern-Bürger dann auch noch die gleichen fastfood Abkürzungen beherrscht, sowie der (aus Indien stammende) Mitarbeiter auch, dann ist die Welt wieder ein Stück vertrauter geworden.
    Dia-lekt. Identitätsstiftender Unterschied. Im Zuge der Mobilität immer weniger eine Frage der Verortetheit (vielleicht als Ursprungsquelle: Geburtsort, Aufwachsort, die Sprache, die dort und damals! gesprochen wurde), als zunehmend eine Frage identitätsstiftender Inseln (Partyslang, Rapperszene, Fußballwelt, Modewelt…) zu denen sich der eine oder die andere hingezogen fühlt (und durch den Dia-lekt die Zugehörigkeit ausdrückt oder empfindet).
    Wo steht geschrieben, dass – bloß weil wir paar Hunder Jahre „immobil“ waren (die Völkerwanderer im 9.Jhd. waren hoch mobil), dass es für immer und ewig bei der Gleichung bleiben muss: Ort = Sprache.
    Ich sage das, gerade weil ich Mundart in vielen Sprachen liebe und schätze: als dia =dasselbe auf unterschiedliche Weise ausdrücken, oder wie die italiener sagen: approccio, aus einem anderen Winkel heraus betrachten (ist ja der Hauptjob von Kunst und Literatur), um dem Thema / Problem weitere (anreichernde) Aspekte hinzuzufügen. Handelt es sich um einen Zu-„schuss“ oder Zu“stopf“, „drückt“ man eine Türe oder „presst“ man diese, wird die Straße ge“teert“ (Material), oder ge“ebnet“ (Zustandsveränderung).
    Der Kreis wird (optisch) zu einem Strich, wenn ich nahe genug rangehe (mit dem Auge), dagegen wird es zur geometrischen Form, wenn ich ihn von weiter weg anblicke.
    Ist der Rhein ein schweizer Fluss? Oder wie es Heraklit formulierte: Der Fluss ist immer dergleiche, bloß die Tropfen nie :-). Aber bitte halten wir ruhig den einen oder anderen Tropfen fest als „milestone“ sozusagen (beim Wein machen wir das ja auch so, aber irgendwann wird er getrunken).

    Jetzt setze ich mich wieder an den Schreibtisch (eigentlich eher der Tipp Tisch , aber solange die Sonne immer noch „unter“geht, oder sind wir grad beim Weiterdreh“?), um die Dialektauswirkungen des Ligurischen und des Emilianischen auf den regionalen Dialekt der „Lunigiana“ weiter zu studieren (streng differenziert „Auswirkungen – oder wechselseitige Wirkungen“, streng unterschieden v o r oder n a c h Garibaldi, v o r oder n a c h der Industrialisierung…)
    Chaled (als Kind von Palästinensern, mit syrischen Papieren versehen, geboren in Saudi-Arabien, aufgewachsen und eingebürgert in AugSCHburg, oft in Italien weilend, durch die Schweiz 6 mal im Monat durchfahrend, in Europa /middle East arbeitend, Dialekte = Momentaufnahme von geborgenheits- und identitätsstiftenden Sprachwolken).

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  • 16. Juni 2018 um 13:08
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    Ich muss euch leider wiedersprechen.

    Schweizerdeutsch ist eine eigene Sprache.
    Oder versucht doch Mal im Schweizerdeutsch ein Satz im Präteritum zu machen. Geht nicht?
    Das ist der entscheidende Faktor! Die Grammatik macht vieles aus.
    Zudem gibt es viele Wörter die es im Deutsch nicht gibt z.B. Chrömle.

    Meine Meinung.

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    • 8. Juli 2018 um 14:54
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      Schweizerdeutsch besitzt keine eigene Grammatik, deswegen ist es ein Dialekt und nichts anderes!

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      • 20. August 2018 um 14:43
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        es gibt sehrwohl eine grammatik im schweizerdeutsch (zumindest im züridütsch) – jeder eigene dialekt hat diese – nur wird diese a) nicht gelebt und b) nicht unterrichtet.

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