Chienbäse gehört zu den traditionellen Fasnachtsveranstaltungen in der Schweiz.
Es handelt sich dabei um einen Event in Liestal, ein Bezirk des Kantons Basel-Land in der Schweiz. Basel ist ja schon für seine Fasnacht berühmt. Es ist sogar so, dass die gesamte gesellschaftliche Struktur in Basel sich aus den Fasnachtsveranstaltungen heraus gebildet hat. Mit zirka 18.000 aktiven Fasnächtlern, die dann Maske und Kostüm tragen, ist so gut wie jeder Bewohner der Stadt irgendwie in das Spektakel involviert.

Der Ursprung vom Chienbäse

Fahrt eines brennenden Wagens durch das Tor
Fahrt eines brennenden Wagens durch das Stadttor

Ursprünglich bildete die Fasnacht „ä Fescht“ (dt.: ein Fest), um es sich nochmals gut gehen zu lassen, bevor die 40-tägige vor-österliche Fastenzeit beginnt. In Liestal östlich von Basel gibt es den traditionellen Umzug am „Sunntig“ (dt.: Sonntag) um die Mittagszeit, und ein Feuerspektakel am Abend. Das Feuerspektakel – Chienbäse genannt – ist weithin bekannt und zieht zahlreiche Besucher aus dem In- und Ausland an. Es werden dabei aus Föhrenscheiten (Kiefernholz) zusammen gebundene „Besen“ von 20 – 100 kg brennend durch die dunkle Altstadt „treit“ (dt.: getragen). Dazwischen sind einige Funken sprühende und in hohen Flammen stehende Feuerwagen mit von der Partie. Nachträglich ziehen Trommler und Pfeifen-Cliquen mit leuchtenden Fasnachtslaternen durch die Altstadt. Wer möchte nicht einmal so einen sinnlichen Event in einer Stadt erleben?

„Füür“ (dt.: Feuer) gehört zu den Urkräften des Universums und hat eine faszinierende Wirkung und Kraft. Auch der Mensch im 21. Jahrhundert kann sich seiner Magie nicht entziehen. Der Chienbäse-Umzug am Abend des Fasnachts-Sonntags bietet deshalb ein einmaliges Spektakel.

Der Sinn der Chienbäse – den Winter vertreiben

Ursprünglich wollte man damit den Winter vertreiben. Es handelt sich also um eine uralte Kulthandlung, welche anfangs nur mit einem Fackelzug am Sonntagabend durchgeführt wurde. Der auf dem Burghügel aufgehäufte Stoß mit Holz (Wällemaa) wird noch heute mit dem Feuer der Fackeln angezündet. Durch das Verbrennen wird die Macht und „Chraft“ (dt.: Kraft) und Kälte des Winters gebrochen. Mit lodernden Chienbäsen und feurigen Fackeln wird dann die Wärme vom Burghügel ins Tal getragen. Durch die Straßen ziehen die Feuergebilde und bilden ein mythisches Spektakel im sonst verdunkelten Städtchen. Wohl niemanden lässt diese Inszenierung kalt.

Chienbäse – eine hundertjährige Tradition

klassische Chienbäse Träger
klassische Chienbäsen Träger

Der Umzug mit Pechfackeln und Chienbäse hat schon über 100 Jahre Tradition. 1902 wurde er erstmals offiziell bewilligt. Als wahrer Begründer gilt jedoch der Konditormeister Eugen Stutz, der 1904 geboren wurde. Es ist eine regelrechte Kunst, den Bäse fachgerecht herzustellen, denn einerseits muss er gut aussehen, andererseits muss er so brennen, dass der Vollbrand zeitlich genau in der Altstadt stattfindet. Für das Holz kommt die Bürgergemeinde auf. „Hützutags“ (dt.: Heutzutage) werden etwa 300 Chienbäse hergestellt, dafür wird rund 30 Ster Holz benötigt. Spektakulär sind auch die Feuerwagen. Diese entstammen einer Zufalls-Idee, wurden dann aber auf Grund der Brandgefahr verboten. Heutzutage sind sie wieder erlaubt und der Höhepunkt des abendlichen Events. Für die Feuerwagen kommen nochmals in etwa 45 Ster Holz dazu.

Chienbäse – ein identitätsstiftender Event für die Stadtbewohner

Das „Chienbäsen-Machen“ beginnt für die Bewohner schon etwa 2 „Wuche“ (dt.: Wochen) vor dem tatsächlichen Event. Man trifft sich an der „Schießanlage Sichtern“ für die Herstellung. Aus diesem Grund kann man das Spektakel der Stadt auch als sozialen Event bezeichnen: Bewohner treffen sich, machen etwas miteinander und letztendlich verbrennen sie beim Chienbäsen-Umzug das Gemachte. Der Event ist im höchsten Masse identitätsstiftend und eine gesunde und sinnliche Alternative zur digitalen „Wält“ (dt.: Welt), in der wir uns immer mehr aufhalten. Auch die eigentlich „sinnlose“ Produktion, da sie ja wieder verbrannt wird, verstärkt dieses flüchtige, aber trotzdem analoge „Machen“ mit dem identitätsstiftenden Charakter. Wohl kaum sonst wo wird etwas mit so viel Mühe hergestellt, um dann dem Feuer preisgegeben zu werden. Die gelben Flammen, die Wärme und das knisternde bedrohliche flackernde Feuer frisst alles, reinigt alles und wärmt alles.

Die Route und die Sicherheitsbestimmungen

Liestal erhelt in flackern des Feuers
Liestal erhelt in flackern des Feuers

Die Route beginnt am Beginn der Burgstraße, sie geht dann in die Rebgasse und Gerbergasse bis zum unteren Gestadeckplatz. Für die Besucher „gältä“ (dt.: gelten) besondere Sicherheitsbestimmungen. So sollte man immer genügend Abstand zu den Chienbäse-Trägern und zu den Feuerwagen halten. „Chinder“ (dt.: Kinder) unter 6 Jahren sind nur an besonderen Orten zugelassen, Kinder unter 12 Jahren dürfen nur in Begleitung der Eltern kommen. Es kann überall zu Funkenflug kommen, weshalb große Vorsicht geboten ist. Fotos sind eigentlich an der Umzugs-Strecke verboten. Dies begründet sich darin, dass man die Gefahr nicht mehr richtig „ihschätze“ (dt.: einschätzen) kann, wenn man durch ein Kameraauge schaut.

Die Gefahr und das archaische Spektakel ist der Reiz

Der Reiz des Feuers
Der Reiz des Feuers

Alles klingt also ziemlich „gföhrlig“ (dt.: gefährlich). Wahrscheinlich macht aber gerade die Gefahr auch den Reiz aus. Wir wissen nicht, ob wir schon einmal gelebt haben, ob nicht unser Haus abgebrannt ist, ob wir nicht schon einmal ein großes Feuer gesehen haben. In unseren Genen ist es möglicherweise abgespeichert, oder in unserem Geist. Ein Schauer rinnt fast jedem Besucher über den Rücken, wenn er die lodernden Flammen vor sich sieht, welche die Dunkelheit in ein helles Licht verwandeln.

Wir raten jedem, dieses Event selber hautnah zu erleben und dabei wieder einmal den direkten Kontakt zu der Schweizer Tradition und Bevölkerung zu suchen. Die Anwendung vom gelernten Schweizerdeutsch kommt dann von alleine.

Vokabular-Liste

Schweizerdeutsch Hochdeutsch
1 Ä Fescht ein Fest
2 Sunntig Sonntag
3 treit getragen
4 Füür Feuer
5 Chraft Kraft
6 Hützutags Heutzutage
7 Wuche Wochen
8 Wält Welt
9 gältä gelten
10 Chinder Kinder
11 ihschätze einschätzen
12 gföhrlig gefährlich

 

Chienbäse – Schweizer Fasnachtstradition

Ein Gedanke zu „Chienbäse – Schweizer Fasnachtstradition

  • 18. August 2017 um 15:07
    Permalink

    Hallo Silas!

    da hast du aber ein unfassbar großartigen Artikel zusammen getragen 🙂 Ich bin wirklich begeistert! Zum einen finde ich es wirklich hochinteressant wie das ganze überhaupt zustande gekommen ist und zum anderen gefällt mir der Schreibstil wirklich sehr. Dazu kommt das ich als zugezogene noch eine Menge Schweizerdeutsch aus dem Artikel mitnehmen kann. Einfach fantastisch.

    Habe mir jetzt eure Seite in die Lesezeichen gespeichert, damit wenn ich nächstes Jahr zur Chienbäse nach Basel komme ich mich auch anständig ausdrücken kann 😛 Mein Kostüm habe ich jedenfalls schon in einem Schweizer Online-Shop (für alle Interessierten: http://www.partyartikel-shop.ch bestellt und damit tatsächlich mal auf Amazons Liefer-Geschwindigkeit verzichtet. Und meine Dekoration habe auch schon aus einem kleinen Krämerladen hier aus der Stadt 🙂

    Mit eurer Hilfe kann ich mich dann demnächst auch noch richtig verständigen und dann ist mein Umzug in die Schweiz endlich vollständig 😉

    Liebste Grüße
    Johanna

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.